David Schönherr ist Physiotherapeut, Sportwissenschaftler und dreifacher Sieger des Wings for Life World Run. In dieser Serie erklärt er, was im Körper von Sportlern passiert – und warum die Nacht mindestens so wichtig ist wie das Training selbst. In Folge 1 ging es darum, warum Regeneration überhaupt über Leistung entscheidet. In Folge 2 habe ich die häufigsten Regenerationsfehler beschrieben, die ich in meiner Praxis sehe. Diesmal geht es um eine Frage, die mir fast genauso häufig gestellt wird: Woher weiß ich eigentlich, ob ich wirklich ausreichend regeneriert bin?
Daten sind hilfreich – aber nicht die ganze Wahrheit
Kaum ein Bereich im Sport hat sich in den letzten Jahren so stark verändert wie das Tracking. Fast jeder ambitionierte Sportler trägt heute eine Smartwatch oder einen Fitness-Tracker, viele beobachten täglich ihre Herzfrequenzvariabilität, analysieren Schlafphasen oder verlassen sich auf einen sogenannten Recovery Score. Das ist grundsätzlich eine spannende Entwicklung, denn viele dieser Daten liefern tatsächlich hilfreiche Hinweise. Gleichzeitig beobachte ich aber auch einen neuen Denkfehler: Manche Athleten vertrauen ihrer Uhr inzwischen mehr als ihrem eigenen Körper. Wenn morgens auf dem Display eine schlechte Erholungsbewertung erscheint, wird das Training vorsorglich gestrichen. Zeigt die Uhr dagegen eine gute Regeneration an, wird auch dann hart trainiert, wenn sich die Beine eigentlich schwer und der Körper müde anfühlen.
Erst Körpergefühl, dann Technik
Als Physiotherapeut arbeite ich gern mit objektiven Daten, aber ich sehe sie immer nur als Teil des Gesamtbildes. Unser Körper ist deutlich komplexer als jeder Algorithmus. Eine Uhr kann Herzfrequenz, Bewegungen oder Hauttemperatur messen und daraus Rückschlüsse ziehen. Was sie nicht erfassen kann, sind Faktoren wie beruflicher Stress, psychische Belastung, kleine beginnende Infekte oder die individuelle Wahrnehmung von Erschöpfung. Deshalb beginne ich jeden Morgen nicht mit einem Blick auf meine Uhr, sondern mit einer kurzen Bestandsaufnahme: Wie fühlen sich meine Beine an? Bin ich motiviert zu trainieren? Fühle ich mich körperlich wirklich erholt oder bin ich einfach nur wach? Erst danach schaue ich auf die gemessenen Werte und ordne sie ein. Diese Reihenfolge hat sich für mich bewährt, weil sie verhindert, dass ich meine eigene Körperwahrnehmung von einer Zahl auf dem Display beeinflussen lasse.
Trends statt einzelner Nächte
Ein weiterer Fehler besteht darin, einzelne Nächte überzubewerten. Viele Sportler erschrecken, wenn ihre Schlaf-App nur wenig Tiefschlaf oder einen schlechten Erholungswert anzeigt. Tatsächlich arbeitet unser Körper aber nicht in Tagesabschnitten. Eine einzelne schlechte Nacht verkraftet ein gesunder Organismus problemlos. Genauso wenig macht eine außergewöhnlich gute Nacht mehrere Wochen mit zu wenig Schlaf ungeschehen. Entscheidend ist immer die Entwicklung über einen längeren Zeitraum. Wenn Schlafqualität, Motivation und Belastbarkeit über mehrere Tage oder Wochen kontinuierlich nachlassen, werde ich aufmerksam. Genau diese Trends sind aussagekräftig – nicht einzelne Ausreißer.
Stress kommt nicht nur vom Training
Besonders interessant ist dabei die Herzfrequenzvariabilität, kurz HRV. Sie beschreibt vereinfacht gesagt, wie flexibel das autonome Nervensystem arbeitet. Eine hohe HRV spricht häufig für einen gut erholten Organismus, während dauerhaft niedrige Werte ein Hinweis auf Stress oder unzureichende Regeneration sein können. Trotzdem ist auch dieser Wert kein Urteil über die Leistungsfähigkeit eines einzelnen Tages. Die HRV schwankt durch viele Faktoren – Schlaf, Ernährung, Alkohol, psychischen Stress oder sogar Wetterveränderungen.
Genauso wichtig ist der Blick auf den Alltag. Der Körper unterscheidet kaum zwischen Trainingsstress und beruflichem oder privatem Stress. Wer nachts schlecht schläft, tagsüber unter Zeitdruck steht oder emotional belastet ist, startet bereits mit einer höheren Gesamtbelastung ins Training. In meiner Praxis sehe ich regelmäßig Sportler, die objektiv gar nicht zu viel trainieren. Sie versuchen lediglich, eine ohnehin hohe Gesamtbelastung mit noch mehr Training zu kompensieren. Das Ergebnis sind ausbleibende Fortschritte, zunehmende Müdigkeit und irgendwann häufig auch Verletzungen.
Mein einfaches System
Ich selbst arbeite deshalb mit einem sehr einfachen Prinzip. Wenn ich mich ausgeschlafen, motiviert und körperlich frisch fühle, absolviere ich das geplante Training wie vorgesehen. Habe ich nur mäßig geschlafen oder fühlen sich die Beine etwas schwer an, reduziere ich häufig Intensität oder Umfang. Kommen dagegen mehrere schlechte Nächte zusammen oder bemerke ich erste Warnsignale wie ungewöhnliche Müdigkeit, Verspannungen oder fehlende Motivation, bekommt die Regeneration Vorrang. Früher hätte ich versucht, den Trainingsplan trotzdem durchzuziehen. Heute weiß ich aus Erfahrung, dass genau diese Flexibilität langfristig mehr Fortschritt bringt als starres Festhalten am Plan.
Am Ende geht es beim Tracking deshalb gar nicht darum, möglichst viele Daten zu sammeln. Entscheidend ist, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Technik kann helfen, Entwicklungen sichtbar zu machen und Zusammenhänge besser zu verstehen. Sie ersetzt aber weder Erfahrung noch Körpergefühl. Wer lernt, objektive Messwerte mit der eigenen Wahrnehmung zu kombinieren, erkennt Überlastungen oft deutlich früher und kann rechtzeitig gegensteuern, bevor aus einem kleinen Regenerationsdefizit eine längere Trainingspause wird.
Häufige Fragen zum Tracking der Regeneration
Braucht man eine Smartwatch, um Regeneration sinnvoll einzuschätzen?
Nein. Viele Sportler können ihre Belastbarkeit bereits sehr gut beurteilen, wenn sie regelmäßig auf Schlafqualität, Motivation und Körpergefühl achten. Wearables liefern hilfreiche Zusatzinformationen, ersetzen diese Wahrnehmung aber nicht.
Welcher Wert ist am aussagekräftigsten?
Es gibt keinen einzelnen Wert, der die Regeneration vollständig beschreibt. Herzfrequenzvariabilität, Ruheherzfrequenz, Schlafdauer und das persönliche Empfinden ergeben zusammen ein deutlich aussagekräftigeres Bild als jeder einzelne Messwert.
Sollte man nach einer schlechten Nacht das Training ausfallen lassen?
Nicht automatisch. Eine einzelne schlechte Nacht ist meist problemlos zu verkraften. Kritisch wird es erst, wenn Schlafmangel über mehrere Tage anhält oder weitere Warnsignale wie anhaltende Müdigkeit, schwere Beine oder sinkende Leistungsfähigkeit hinzukommen.
Spannende Links:
Laufschule Münster
Schlaf & Leistung Serie Teil 1



Schlaf & Leistung #2: Die häufigsten Regenerationsfehler bei Sportlern
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