David Schönherr ist Physiotherapeut, Sportwissenschaftler und dreifacher Sieger des Wings for Life World Run. In dieser Serie erklärt er, was im Körper von Sportlern passiert – und warum die Nacht mindestens so wichtig ist wie das Training selbst.
Ich werde in meiner Praxis oft gefragt, was der schnellste Weg zu besserer Leistung ist. Neues Trainingsprogramm? Andere Schuhe? Ein Ernährungsplan? Meine Antwort überrascht die meisten: Schau dir zuerst deinen Schlaf an. Nicht, weil das originell klingt. Sondern weil es der Faktor ist, den fast jeder ignoriert, obwohl er den größten Hebel hat. In dieser ersten Folge will ich erklären, warum das so ist – nicht als Behauptung, sondern so gut ich kann als Physiotherapeut, der täglich mit Sportlerkörpern arbeitet, und als Ultraläufer, der die Konsequenzen am eigenen Körper spürt.
Der Denkfehler, den fast jeder macht
Die meisten Menschen, die viel Sport treiben, glauben, dass Fortschritt beim Training entsteht – auf der Strecke, im Fitnessstudio, bei der nächsten Wiederholung, beim nächsten Kilometer. Das stimmt nur zur Hälfte, und die Hälfte, die fehlt, ist die entscheidende. Training ist der Reiz. Ein Trainingsreiz allein macht dich nicht stärker – er beschädigt zunächst sogar Gewebe. Was dich stärker macht, ist das, was danach passiert: die Anpassung. Und diese Anpassung findet nicht während des Trainings statt, sondern in der Erholungsphase danach, vor allem nachts. Wer das ignoriert, trainiert im Grunde gegen sich selbst. Man setzt immer neue Reize, ohne dem Körper die Zeit zu geben, aus diesen Reizen tatsächlich etwas zu machen. Das Ergebnis ist paradox: mehr Training, aber schlechtere Fortschritte.
Was Belastung im Körper wirklich auslöst
Um zu verstehen, warum Regeneration so wichtig ist, muss man verstehen, was Belastung überhaupt bedeutet. Jedes intensive Training – ob Krafttraining, ein langer Lauf oder ein Wettkampf – setzt den Körper unter mehrschichtigen Stress:
Auf muskulärer Ebene entstehen Mikroverletzungen in den Muskelfasern. Das klingt dramatischer, als es ist – dieser Mechanismus ist normal und notwendig, denn genau diese kleinen Schäden sind der Auslöser dafür, dass sich der Muskel danach stärker wieder aufbaut. Reiz, Schaden, Reparatur, Anpassung – das ist im Kern das Prinzip, nach dem jedes Training funktioniert.
Auf hormoneller Ebene steigt während intensiver Belastung der Cortisolspiegel an, das bekannteste Stresshormon des Körpers. Kurzfristig ist das sinnvoll – es mobilisiert Energie und hält den Körper leistungsfähig. Bleibt der Cortisolspiegel aber dauerhaft erhöht, weil sich der Körper nie richtig erholt, wirkt sich das negativ auf Muskelaufbau, Immunsystem und sogar auf die Stimmung aus.
Auf neuromuskulärer Ebene ist nach intensiver Belastung nicht nur die Muskulatur erschöpft, sondern auch die Steuerung durch das Nervensystem. Koordination, Reaktionsgeschwindigkeit und Bewegungsökonomie leiden, wenn das Nervensystem keine Zeit zur Erholung bekommt – ein Effekt, den viele Sportler unterschätzen, weil er sich nicht als Muskelkater bemerkbar macht, sondern eher als diffuse Unbeholfenheit oder Konzentrationsschwäche im nächsten Training.
Das alles passiert bei jedem intensiven Training, egal ob bei einem 60-Kilometer-Lauf oder einer harten Krafttrainingseinheit. Der Unterschied ist nur das Ausmaß.
Warum die Nacht die eigentliche Trainingseinheit ist
Hier kommt der Teil, den die meisten Menschen ausblenden: All diese Prozesse – Muskelreparatur, hormonelle Regulation, Erholung des Nervensystems – laufen überwiegend während des Schlafs ab, insbesondere in den Tiefschlafphasen. Während des Tiefschlafs schüttet der Körper vermehrt Wachstumshormon aus. Dieses Hormon ist zentral für Gewebereparatur und Muskelaufbau – es ist quasi das biologische Werkzeug, mit dem der Körper die tagsüber gesetzten Trainingsreize in tatsächliche Anpassung umwandelt. Gleichzeitig sinkt der Cortisolspiegel im Tiefschlaf ab, was dem Körper erlaubt, aus dem Stresszustand des Trainings in einen Erholungszustand zu wechseln.
Auch das Nervensystem profitiert massiv vom Schlaf. Motorisches Lernen – also die Fähigkeit, Bewegungsabläufe zu verfeinern und effizienter zu machen – wird maßgeblich im Schlaf konsolidiert. Das bedeutet: Ein Sportler, der schlecht schläft, verliert nicht nur an körperlicher Erholung, sondern auch an technischer Verbesserung, die er sich im Training eigentlich erarbeitet hat.
Fehlt ausreichend Tiefschlaf über längere Zeit, verlängert sich diese Reparaturzeit spürbar. Die Folgen zeigen sich schleichend: höheres Verletzungsrisiko, weil geschädigtes Gewebe nicht vollständig ausheilt, bevor der nächste Trainingsreiz kommt. Langsamere Fortschritte, weil die hormonelle Basis für Anpassung fehlt. Und im schlimmsten Fall ein Übertrainingszustand – obwohl objektiv betrachtet gar nicht mehr trainiert wurde als sonst, sondern schlicht zu wenig erholt.
Eine Beobachtung aus meiner Praxis
In meiner Arbeit als Physiotherapeut sehe ich dieses Muster ständig, bei Freizeitsportlern genauso wie bei ambitionierten Athleten. Menschen, die ihr Training bis ins letzte Detail durchplanen – Intervalle, Belastungssteuerung, Ernährungspläne, Trainingsapps mit Herzfrequenzvariabilität und allem Drum und Dran – und dann auf einer Matratze schlafen, die sie vor zehn Jahren zufällig gekauft haben, ohne sie je wieder in Frage zu stellen. Sie optimieren neun von zehn Faktoren mit großer Sorgfalt und ignorieren den zehnten komplett, obwohl dieser einen erheblichen Anteil an der Gesamtleistung hat. Das ist, als würde man ein Hochleistungsauto bauen und dann mit falsch aufgepumpten Reifen fahren. Die Motorleistung ist da – sie kommt nur nicht richtig auf die Straße.
Als Ultraläufer merke ich diesen Zusammenhang an mir selbst besonders deutlich. Nach einem Lauf über 60 Kilometer ist mein Körper in einem echten Ausnahmezustand – muskulär, hormonell, neuronal. Wie schnell und wie vollständig ich mich davon erhole, hat direkten Einfluss darauf, wie hart ich in der nächsten Trainingseinheit arbeiten kann, wie schnell ich mich wieder belastbar fühle und, ganz entscheidend, ob ich verletzungsfrei bleibe. Genau deshalb behandle ich meinen eigenen Schlaf mittlerweile mit derselben Sorgfalt wie meinen Trainingsplan – wie das bei mir konkret aussieht, beschreibe ich in meinem Erfahrungsbericht zum enjoy. Boxspringbett.
Übrigens: Wer im Sommer zusätzlich mit Hitze zu kämpfen hat, kennt das Problem noch verschärft – dazu gibt es bei enjoy bereits einen eigenen Artikel: Schlafen bei Hitze: Was wirklich hilft.
Was das für dich bedeutet – auch ohne Ultramarathon
Dieser Mechanismus ist nicht auf Spitzensportler beschränkt. Jeder, der körperlich oder auch geistig stark gefordert ist – im Training, im Job, im Alltag mit Familie – profitiert von besserer Regeneration. Der Unterschied ist nur die Intensität und die Geschwindigkeit, mit der sich schlechte Erholung bemerkbar macht.
Ein Ultraläufer spürt eine schlechte Nacht meistens schon am nächsten Tag im Training – die Beine fühlen sich schwer an, die Motivation fehlt, die Leistung bricht früher ein als sonst. Bei weniger extremer körperlicher Belastung fällt der Effekt oft erst nach Wochen auf: als chronische Erschöpfung, als langsamere Fortschritte trotz konsequentem Training, als überraschend häufige kleine Verletzungen, die sich nicht durch eine einzelne Ursache erklären lassen, sondern durch angesammelten Regenerationsrückstand.
Die gute Nachricht dabei: Anders als viele andere Leistungsfaktoren lässt sich Schlafqualität relativ direkt beeinflussen – durch Routine, Umgebung und, ganz konkret, durch die richtige Unterlage. Denn wie gut man in den Tiefschlaf kommt und dort bleibt, hängt maßgeblich davon ab, wie druckentlastet und stabil der Körper dabei liegt. Welche Rolle dabei Matratze und Topper spielen, erkläre ich in einer späteren Folge dieser Serie – unter anderem am Beispiel von InsideTopper vs. OutsideTopper, einem Unterschied, den kaum jemand kennt, der aber gerade für Sportler mit hohem Regenerationsbedarf relevant ist.
Häufige Fragen zu Regeneration und Schlaf
Wie viele Stunden Tiefschlaf braucht man wirklich?
Tiefschlaf macht bei den meisten Erwachsenen nur etwa 15 bis 20 Prozent der gesamten Schlafzeit aus – bei sieben bis acht Stunden Schlaf also grob eine bis anderthalb Stunden. In dieser vergleichsweise kurzen Phase läuft aber der größte Teil der körperlichen Regeneration ab.
Wirkt sich schlechter Schlaf sofort oder erst später auf die Leistung aus?
Bei intensiver Belastung, etwa im Ultralauf, zeigen sich Effekte oft schon am nächsten Tag im Training. Bei moderater Belastung im Alltag fällt schlechter Schlaf häufig erst nach Wochen auf – als schleichende Erschöpfung oder ausbleibender Fortschritt.
Brauchen Sportler eine andere Matratze als Nicht-Sportler?
Nicht zwingend eine andere, aber oft eine, die stärker auf Druckentlastung an stark beanspruchten Körperstellen ausgelegt ist – etwa an Schultern und Hüfte. Wie genau sich das auswählen lässt, behandelt eine spätere Folge dieser Serie im Detail.
Was als Nächstes kommt
In der nächsten Folge schaue ich mir an, welche konkreten Regenerationsfehler ich in meiner Praxis am häufigsten bei Sportlern sehe – von Freizeitläufern bis zu ambitionierten Athleten – und was sich davon oft mit sehr einfachen Mitteln ändern lässt.
Diese Serie entsteht in Zusammenarbeit mit David Schönherr, Physiotherapeut, Sportwissenschaftler und dreifacher Sieger des Wings for Life World Run.



Schlaf & Leistung #2: Die häufigsten Regenerationsfehler bei Sportlern
Share: