David Schönherr ist Physiotherapeut, Sportwissenschaftler und dreifacher Sieger des Wings for Life World Run. In dieser Serie erklärt er, was im Körper von Sportlern passiert – und warum die Nacht mindestens so wichtig ist wie das Training selbst. In Folge 1 ging es um die Grundlagen: warum Regeneration über Leistung entscheidet. Diesmal geht es um die Praxis – um das, was ich bei Athleten tatsächlich sehe.
Ich behandle in meiner Praxis Freizeitläufer genauso wie ambitionierte Wettkampfathleten. Die Trainingsumfänge unterscheiden sich enorm – von jemandem, der zweimal pro Woche zehn Kilometer läuft, bis zu Athleten, die auf einen Ultramarathon hintrainieren. Die Fehler, die ich bei der Regeneration sehe, überraschend wenig. Es sind fast immer dieselben fünf Muster, egal auf welchem Leistungsniveau. Hier sind sie – und was sich jeweils leicht ändern lässt.
Fehler 1: Regeneration wird nicht geplant, sondern dem Zufall überlassen
Die meisten Trainingspläne, die mir gezeigt werden, sind bis ins Detail durchdacht: Belastungssteuerung, Intervalle, Steigerungsraten, oft über Wochen und Monate im Voraus geplant. Erholungstage stehen zwar meistens drin – aber oft nur als freies Feld ohne echten Inhalt. "Da mach ich dann einfach nichts", höre ich dann, als wäre Nichtstun automatisch gleichbedeutend mit guter Erholung.
Das Problem: Regeneration passiert nicht automatisch, nur weil man nicht trainiert. Schlafqualität, Ernährung nach der Belastung, Stresslevel im Alltag, aktive Erholung – all das beeinflusst, wie effektiv ein Ruhetag tatsächlich ist. Ein Ruhetag mit schlechtem Schlaf, stressigem Arbeitstag und unregelmäßigen Mahlzeiten bringt oft weniger als ein lockeres Ausdauertraining mit anschließend acht Stunden gutem Schlaf. Viele Athleten sind überrascht, wenn ich ihnen das so erkläre – der Ruhetag als Konzept wird selten hinterfragt, dabei kann er genauso gut oder schlecht gestaltet sein wie eine Trainingseinheit.
Was hilft: Regeneration genauso konkret einplanen wie Training. Feste Schlafenszeiten an Trainings- und Ruhetagen, bewusste Ernährung nach intensiven Einheiten, und wenn möglich ein Blick darauf, wie gut man tatsächlich schläft – nicht nur wie viele Stunden man im Bett verbringt. Ein Ruhetag sollte genauso bewusst gestaltet werden wie ein hartes Training, nur eben mit umgekehrtem Vorzeichen.
Fehler 2: Die Schlafumgebung wird komplett ignoriert
Das ist der Fehler, den ich am häufigsten sehe, und ehrlich gesagt auch der, den ich selbst am längsten ignoriert habe. Sportler optimieren Schuhe, Ausrüstung, manchmal sogar die Sitzposition auf dem Rennrad bis ins letzte Detail – lassen sich beraten, kaufen die neueste Technologie, tauschen Ausrüstung nach jeder Saison aus – und schlafen dann auf einer Matratze, die seit Jahren nicht mehr zum eigenen Körpergewicht oder Trainingszustand passt, oft ohne das je wieder in Frage zu stellen.
Der Körper verändert sich mit intensivem Training: Muskelmasse nimmt zu, das Gewicht verschiebt sich, die Druckpunkte im Liegen verändern sich mit. Eine Matratze, die vor fünf Jahren gepasst hat, muss heute nicht mehr die richtige sein – genauso wenig wie ein Laufschuh, den man seit fünf Jahren nicht ausgetauscht hat, noch optimal passt. Bei Schuhen merkt man das schnell, weil die Abnutzung sichtbar ist. Bei der Matratze fehlt dieses offensichtliche Signal, obwohl die Auswirkung auf die Regeneration mindestens genauso groß ist.
Was hilft: Regelmäßig prüfen, ob die eigene Schlafunterlage noch zum aktuellen Trainingszustand passt – nicht nur bei sichtbarem Verschleiß, sondern auch bei spürbaren Veränderungen wie morgendlichen Verspannungen, die vorher nicht da waren. Wer sich fragt, worauf es bei der Auswahl konkret ankommt, findet dazu mehr in meinem Erfahrungsbericht zum enjoy. Boxspringbett.
Fehler 3: Schlafmangel wird durch Koffein kompensiert statt behoben
Ein sehr verbreitetes Muster: schlecht geschlafen, dafür morgens einen Kaffee mehr, vor dem Training noch einen Espresso, und dann wird trotzdem eine anspruchsvolle Einheit durchgezogen, weil der Trainingsplan es so vorsieht. Kurzfristig funktioniert das sogar – Koffein maskiert Müdigkeit effektiv, man fühlt sich wacher, konzentrierter, bereit für die Einheit.
Das Problem: Koffein beeinflusst nur die subjektive Wahrnehmung von Müdigkeit, nicht die tatsächliche physiologische Erholung. Die Mikroverletzungen in der Muskulatur sind trotzdem noch da, das Nervensystem ist trotzdem noch nicht vollständig regeneriert, die hormonellen Prozesse aus der letzten Nacht sind nicht nachträglich abgeschlossen worden. Man trainiert dann auf einem Körper, der sich nur wacher anfühlt, als er tatsächlich erholt ist – und genau diese Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Belastbarkeit erhöht das Verletzungsrisiko erheblich, weil man sich selbst und seiner Wahrnehmung an dem Tag nicht trauen kann.
Was hilft: Bei spürbarem Schlafdefizit die Trainingsintensität ehrlich anpassen, statt sie mit Koffein zu überdecken. Ein lockerer Tag ist fast immer sinnvoller als eine harte Einheit auf zu wenig Schlaf – auch wenn sich das im Moment nach Rückschritt anfühlt. Langfristig ist es meistens der schnellere Weg.
Fehler 4: Die letzte Stunde vor dem Schlafen wird komplett verschenkt
Viele ambitionierte Sportler trainieren abends, weil tagsüber Job oder Familie im Weg stehen. Das ist grundsätzlich kein Problem, viele erfolgreiche Athleten trainieren so. Problematisch wird es, wenn direkt nach dem Training, oft noch aufgeheizt, mit erhöhtem Puls und aufgedreht vom Adrenalin, sofort ins Bett gegangen wird – oder wenn stattdessen die letzte Stunde vor dem Schlafen am Handy verbracht wird, um "noch kurz abzuschalten", was in der Praxis meistens das Gegenteil bewirkt.
Beides verhindert, dass der Körper tatsächlich in den Ruhezustand herunterfährt, der für einen zügigen Einstieg in den Tiefschlaf notwendig ist. Die Folge: Man liegt zwar früh im Bett, schläft aber trotzdem schlecht ein oder erreicht die wichtigen Tiefschlafphasen später als nötig, wodurch sich die effektive Erholungszeit trotz ausreichender Bettzeit verkürzt.
Was hilft: Eine bewusste Pufferzeit zwischen intensivem Training oder Bildschirmzeit und dem Zubettgehen – auch wenn es nur 20 bis 30 Minuten sind. Der Körper braucht diesen Übergang, um wirklich herunterzufahren. Ich nutze dafür selbst feste kleine Routinen, die signalisieren, dass jetzt Erholung ansteht, nicht mehr Leistung.
Fehler 5: Kleine Warnsignale werden ignoriert, bis daraus ein Problem wird
Der vielleicht wichtigste Punkt: Viele Sportler, die zu mir in die Praxis kommen, berichten im Nachhinein von Wochen, manchmal Monaten, in denen sie sich morgens zunehmend unausgeschlafen fühlten, kleine Verspannungen hatten, die nicht weggingen, oder das Gefühl, im Training nicht mehr richtig voranzukommen, obwohl sie objektiv nicht weniger trainiert haben. Diese Signale wurden als normal abgetan, als Teil des Trainingsprozesses hingenommen – bis daraus eine echte Überlastung oder Verletzung wurde, die dann Wochen oder Monate Pause bedeutete.
Das ist genau das Muster, das ich in Folge 1 dieser Serie beschrieben habe: angesammelter Regenerationsrückstand, der sich schleichend aufbaut, bis er sich nicht mehr ignorieren lässt und der Körper die Pause erzwingt, die man vorher freiwillig hätte einplanen können.
Was hilft: Kleine, wiederkehrende Signale ernst nehmen, statt sie wegzutrainieren oder zu ignorieren. Morgendliche Verspannungen, die sich häufen, sind fast immer ein Hinweis darauf, dass irgendwo in der Erholung etwas fehlt – oft ist der erste Ansatzpunkt genau das, worüber ich in dieser Serie schreibe: Schlafqualität und Schlafumgebung. Wer frühzeitig reagiert, statt abzuwarten, spart sich in der Regel deutlich mehr Trainingsausfall, als eine kurze Anpassung kosten würde.
Häufige Fragen zu Regenerationsfehlern
Wie erkennt man, ob man zu wenig regeneriert?
Typische Warnsignale sind anhaltende morgendliche Müdigkeit trotz ausreichender Schlafdauer, wiederkehrende Verspannungen an denselben Körperstellen, ausbleibende Trainingsfortschritte trotz konsequentem Training und eine erhöhte Anfälligkeit für kleine Verletzungen.
Kann man Schlafmangel am Wochenende nachholen?
Teilweise, aber nicht vollständig. Verlorene Tiefschlafzeit lässt sich nicht eins zu eins nachholen, auch wenn längeres Schlafen am Wochenende kurzfristig entlastet. Regelmäßigkeit ist wichtiger als gelegentliches Nachholen.
Ab wann sollte man die eigene Matratze überprüfen?
Nicht erst bei sichtbarem Verschleiß, sondern immer dann, wenn sich Körpergewicht, Trainingszustand oder morgendliche Beschwerden spürbar verändert haben – das kann auch deutlich früher als bei den üblichen sieben bis zehn Jahren Lebensdauer der Fall sein.
Hilft mehr Schlaf allein schon gegen Übertraining?
Mehr Schlaf allein reicht meistens nicht, wenn die grundlegende Trainingsbelastung dauerhaft zu hoch bleibt. Guter Schlaf ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung – er muss mit einer realistischen Trainingssteuerung zusammenspielen.
Was als Nächstes kommt
In der nächsten Folge geht es darum, wie ich Trainingsbelastung und Schlafqualität selbst tracke und ins Verhältnis setze – mit einfachen Mitteln, die auch ohne teures Equipment funktionieren.
Spannende Links:
Laufschule Münster
Schlaf & Leistung Serie Teil 1



Schlaf & Leistung #1: Warum Regeneration über Leistung entscheidet
Schlaf & Leistung #3: Training und Schlaf richtig tracken – ohne Technik-Wahnsinn
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